Wenn es anders kommt

Wir reagieren nicht immer so auf Situationen, wie ihre vermeintliche Schwere es erwarten ließe. Manche Dinge, von denen man glauben würde, sie müssten einen völlig aus der Bahn werfen, tragen wir erstaunlich ruhig. Andere treffen einen Punkt in uns, an dem plötzlich viel mehr ins Wanken gerät als nur der Moment selbst. Vielleicht liegt der Unterschied nicht nur darin, was passiert, sondern auch darin, worauf es in uns trifft.

Wir alle haben Vorstellungen davon, wie das Leben ungefähr funktionieren sollte. Menschen, die uns lieben, sollten ehrlich zu uns sein. Wer etwas verspricht, sollte es halten. Wenn wir Vertrauen schenken, sollte damit sorgsam umgegangen werden. Unsere Eltern sollten möglichst lange gesund bleiben, Beziehungen sollten nicht von heute auf morgen zerbrechen und wenn wir uns Mühe geben, hoffen wir zumindest darauf, dass sich diese Mühe irgendwann auszahlt. Natürlich wissen wir gleichzeitig, dass das Leben keinerlei Garantie dafür gibt. Menschen werden krank, Beziehungen scheitern, Freundschaften verändern sich, Pläne funktionieren nicht und andere Menschen treffen Entscheidungen, die wir weder verstehen noch beeinflussen können. Trotzdem existieren diese inneren Vorstellungen davon, wie etwas eigentlich sein sollte. Ich bin vor einiger Zeit über einen Gedanken aus der Verhaltenstherapie gestolpert, der mich länger beschäftigt hat: Nicht ausschließlich eine Situation selbst entscheidet darüber, wie sehr sie uns belastet. Eine wesentliche Rolle spielt auch, wie wir sie bewerten, welche Bedeutung wir ihr geben und welche Erwartungen wir mit ihr verbunden haben. Der Satz, eine Situation sei grundsätzlich neutral und erst unsere Bewertung mache sie zum Problem, geht mir allerdings zu weit. Manche Dinge sind nicht neutral. Krankheit ist nicht neutral. Der Verlust eines Menschen ist nicht neutral. Verrat ist nicht neutral. Gewalt, Existenzängste oder schwere Schicksalsschläge lassen sich nicht einfach durch die richtige Denkweise in etwas Harmloses verwandeln. Und trotzdem glaube ich, dass an diesem Gedanken etwas sehr Wahres steckt: Zu dem Schmerz, den eine Situation ohnehin verursacht, kann noch ein zweiter hinzukommen – der Kampf mit der Tatsache, dass es überhaupt so gekommen ist.
Warum uns nicht immer das Schlimmste am schlimmsten trifft
Als meine Eltern beide gleichzeitig an Krebs erkrankten, hätte man vermutlich erwarten können, dass ich komplett zusammenbreche. Zwei Menschen, die mir sehr nahestehen, waren plötzlich gleichzeitig schwer krank. Es gab Untersuchungen, Behandlungen, Sorgen und viele Dinge, die ich weder kontrollieren noch vorhersehen konnte. Und trotzdem blieb ich erstaunlich ruhig. Natürlich machte ich mir Sorgen, natürlich war die Situation belastend, aber ich funktionierte. Ich versuchte, vernünftig mit dem umzugehen, was gerade vor mir lag. Vielleicht auch deshalb, weil es nichts gab, worüber ich hätte verhandeln können. Niemand hatte diese Situation bewusst verursacht. Es gab keinen Menschen, von dem ich eine Erklärung verlangen konnte, keine Entscheidung, die rückgängig gemacht werden konnte. Krebs ist unfair, aber er ist kein persönlicher Angriff. Ganz anders war es, als mir eines Tages eine mir fremde Frau auf Instagram schrieb und behauptete, seit zwei Jahren eine Affäre mit meinem Freund zu haben. Auch da blieb ich nach außen ruhig. Ich schrie nicht herum, warf keine Gegenstände und führte zunächst ruhig Gespräche mit ihm. Von außen betrachtet hätte man vielleicht glauben können, ich würde erstaunlich gefasst damit umgehen. Innerlich sah es vollkommen anders aus. Ich weinte sehr viel, oft heimlich, und meine Gedanken wurden teilweise sehr dunkel. Ich fragte mich plötzlich Dinge über mich selbst, die mit der eigentlichen Tatsache eines Betrugs kaum noch etwas zu tun hatten. Ich fühlte mich wertlos. Ich fragte mich, warum ich nicht gereicht hatte, was an mir falsch war, was ich übersehen hatte und ob das gemeinsame Leben, von dem ich geglaubt hatte, es zu kennen, überhaupt so existiert hatte. Diese beiden Erfahrungen haben mir im Nachhinein etwas sehr deutlich gezeigt: Die Intensität unserer Gefühle lässt sich nicht einfach daran messen, wie schlimm eine Situation objektiv betrachtet ist. Dass beide Eltern gleichzeitig schwer erkranken, ist ohne Frage eine enorme Belastung. Trotzdem löste der Betrug meines Partners in mir etwas aus, das sich auf eine ganz andere Weise existenziell anfühlte. Vielleicht weil es nicht nur darum ging, dass etwas Schlimmes passiert war. Es ging gleichzeitig um Vertrauen, Nähe, meinen eigenen Wert, die Vergangenheit und um die Frage, ob das Bild meines Lebens, das ich bis dahin hatte, überhaupt noch stimmte.
Was in uns Resonanz findet
Genau an diesem Punkt finde ich den Begriff Resonanz interessant. Nicht im esoterischen Sinn und auch nicht in der Vorstellung, wir würden bestimmte Ereignisse durch unsere Gedanken irgendwie „anziehen“, sondern ganz nüchtern betrachtet: Eine Situation trifft nie auf einen vollkommen unbeschriebenen Menschen. Wir bringen unsere bisherigen Erfahrungen mit, unsere Kindheit, frühere Beziehungen, Enttäuschungen, Ängste, Erfolge und Misserfolge. Wir haben Vorstellungen darüber entwickelt, was sicher ist, wem wir vertrauen können, was bestimmte Verhaltensweisen bedeuten und was wir von anderen Menschen erwarten dürfen. Vieles davon geschieht vermutlich, ohne dass wir es bewusst bemerken. Dann passiert etwas scheinbar Kleines. Jemand antwortet nicht auf eine Nachricht. Für einen Menschen bedeutet das vielleicht einfach, dass der andere beschäftigt ist. Ein anderer wird kurz unruhig und denkt sich danach nichts weiter dabei. Bei jemand anderem beginnt innerhalb kürzester Zeit ein Gedankenkarussell: Habe ich etwas Falsches gesagt? War ich zu viel? Hat er das Interesse verloren? Gibt es jemand anderen? Die unbeantwortete Nachricht ist dieselbe, aber was sie in einem Menschen berührt, kann vollkommen unterschiedlich sein. Vielleicht kennt jemand das Gefühl, plötzlich ignoriert zu werden. Vielleicht wurde er früher verlassen, ohne eine Erklärung zu bekommen. Vielleicht hat er gelernt, dass Nähe jederzeit verschwinden kann. Dann reagieren wir irgendwann nicht ausschließlich auf die aktuelle Situation. Etwas, das bereits in uns vorhanden ist, schwingt mit. Genau das verstehe ich in diesem Zusammenhang unter Resonanz. Es bedeutet nicht, dass jede starke Reaktion automatisch aus der Vergangenheit stammt oder dass unsere Gefühle deshalb weniger berechtigt wären. Aber es kann erklären, warum manche Situationen uns erstaunlich wenig aus der Ruhe bringen, während andere scheinbar direkt an einen sehr empfindlichen Punkt gelangen. Vielleicht lohnt sich dann die Frage: Warum trifft mich genau das so sehr? Geht es wirklich nur um das, was gerade passiert, oder berührt dieser Moment etwas, das ich schon viel länger kenne?
Die Geschichte hinter der Geschichte
Unser Kopf bleibt außerdem selten bei nüchternen Fakten. Die Tatsache wäre beispielsweise: Mein Partner hatte eine Affäre. Doch dabei bleibt es natürlich nicht. Aus dieser Information entstehen unzählige weitere Fragen. Warum hat er das getan? Seit wann hat er mich angelogen? Was war in den vergangenen Jahren überhaupt echt? Was hat sie, was ich nicht habe? Hätte ich etwas merken müssen? War ich naiv? Warum war ich nicht genug? Und plötzlich handelt die Geschichte nicht mehr nur von einem Menschen, der eine Entscheidung getroffen und damit Vertrauen verletzt hat. Sie handelt von mir und von meinem eigenen Wert. Genau hier können Gedanken besonders grausam werden, weil das Verhalten eines anderen Menschen plötzlich zu einem Urteil über die eigene Person wird. Wenn jemand mich betrügt, muss offensichtlich etwas an mir fehlen. Wenn jemand mich verlässt, war ich offenbar nicht liebenswert genug. Wenn sich jemand nicht für mich entscheidet, bin ich vielleicht nicht interessant genug. Dabei sind das Interpretationen und keine Tatsachen. Das Verhalten eines anderen Menschen sagt zunächst einmal sehr viel über seine Entscheidungen aus. Trotzdem fühlt es sich bei emotionaler Nähe oft nicht so an. Je wichtiger ein Mensch für uns ist, desto leichter kann sein Verhalten Teil unserer eigenen Selbstbewertung werden. Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem eine Situation zu etwas sehr viel Größerem wird. Nicht nur das Vertrauen in einen anderen Menschen gerät ins Wanken, sondern gleichzeitig das Bild, das man von sich selbst hatte. Die eigentliche Verletzung bekommt dadurch noch viele weitere Ebenen, die mit dem ursprünglichen Ereignis zwar verbunden sind, aber nicht automatisch aus ihm folgen.
Wenn aus einem Wunsch ein Muss wird
Ein weiterer Gedanke aus der Rational-Emotiven Verhaltenstherapie beschäftigt sich damit, welchen Unterschied es macht, ob wir uns etwas wünschen oder innerlich davon überzeugt sind, dass etwas unbedingt so sein müsste. Ich wünsche mir, dass dieser Mensch ehrlich zu mir ist fühlt sich anders an als Dieser Mensch darf mich nicht belügen. Ich möchte, dass diese Beziehung funktioniert ist etwas anderes als Nach allem, was wir gemeinsam aufgebaut haben, darf diese Beziehung nicht scheitern. Natürlich ist die zweite Variante sehr menschlich. Wenn wir jahrelang mit jemandem zusammenleben, planen wir nicht gleichzeitig gedanklich ein, dass eines Tages eine fremde Person auf Instagram auftaucht und das bisherige Bild unserer Beziehung erschüttert. Wir gehen davon aus, dass bestimmte Dinge stimmen. Wir verlassen uns darauf. Und vielleicht ist genau deshalb der Bruch so schmerzhaft. Nicht nur ein Mensch enttäuscht uns, gleichzeitig zerbricht eine Annahme darüber, wie unser Leben aussieht. Dann beginnt der innere Kampf: Das kann nicht wahr sein. Das hätte nicht passieren dürfen. Wie konnte er das tun? Warum hat er nicht früher etwas gesagt? Warum habe ich es nicht bemerkt? Diese Fragen sind verständlich und einige davon brauchen vermutlich sogar Antworten. Doch irgendwann kommt ein Punkt, an dem eine Frage nicht mehr dabei hilft, etwas zu verstehen. Sie hält uns nur noch in einer Situation fest, die bereits passiert ist. Wir analysieren dieselben Aussagen, suchen nach Hinweisen, gehen Erinnerungen durch und versuchen, rückwirkend einen Punkt zu finden, an dem alles noch hätte anders werden können. Dabei versuchen wir im Grunde, mit einer Vergangenheit zu verhandeln, die längst nicht mehr verhandelbar ist.
Akzeptieren ist etwas anderes als verzeihen
Mit dem Wort Akzeptanz tue ich mir trotzdem schwer, weil es schnell danach klingt, als müsste man einfach alles hinnehmen, was einem passiert. So verstehe ich es nicht. Akzeptieren bedeutet für mich nicht, etwas gutzuheißen, jemandem automatisch zu verzeihen oder ihm weiterhin einen Platz im eigenen Leben geben zu müssen. Es bedeutet zunächst lediglich anzuerkennen: Das ist passiert. Ich kann es unfair finden, ich kann wütend darüber sein, ich kann traurig sein und Konsequenzen ziehen. Ich kann entscheiden, dass ich mit einem Menschen keinen Kontakt mehr möchte oder dass sich etwas grundlegend verändern muss. All das widerspricht Akzeptanz nicht. Was ich allerdings nicht kann, ist rückwirkend eine andere Vergangenheit herstellen. Und genau das versuchen wir gedanklich erstaunlich oft. Wir spielen Gespräche noch einmal durch, überlegen, was wir hätten fragen müssen, suchen nach Hinweisen, die wir übersehen haben könnten, oder stellen uns vor, was passiert wäre, wenn wir an irgendeiner Stelle anders gehandelt hätten. Ein Teil davon gehört vermutlich zur Verarbeitung. Wir versuchen zu verstehen, was passiert ist, weil Verstehen Sicherheit schaffen kann. Aber irgendwann bringt auch die hundertste gedankliche Wiederholung keine neue Information mehr. Dann hält sie nur noch etwas am Leben, das längst geschehen ist. Akzeptanz bedeutet für mich deshalb nicht, dass etwas plötzlich in Ordnung ist. Es bedeutet eher, irgendwann nicht mehr permanent gegen die Tatsache anzukämpfen, dass es Realität geworden ist.
Ruhig sein bedeutet nicht, dass etwas nicht weh tut
Eine andere Erkenntnis, die ich aus diesen Erfahrungen mitgenommen habe, ist, wie wenig man von außen tatsächlich darüber sagen kann, was in einem Menschen passiert. Ich kann in einer Extremsituation vollkommen ruhig wirken und innerlich trotzdem kämpfen. Ich kann vernünftig kommunizieren und danach alleine weinen. Ich kann funktionieren, arbeiten, Termine wahrnehmen und Gespräche führen und gleichzeitig Gedanken haben, die ich kaum jemandem erzähle. Ruhe ist nicht automatisch Gleichgültigkeit, Kontrolle ist nicht automatisch emotionale Distanz und nur weil jemand eine Situation scheinbar gut bewältigt, heißt das nicht, dass sie ihn nicht tief getroffen hat. Vielleicht war genau das auch der Unterschied zwischen der Erkrankung meiner Eltern und dem Betrug in meiner Beziehung. Bei der Krankheit konnte ich mich auf das konzentrieren, was konkret zu tun war. Es gab Untersuchungen, Termine, Behandlungen und Dinge, bei denen ich helfen konnte. Beim Betrug gab es dagegen keine klare Aufgabe, die das Problem gelöst hätte. Da war plötzlich diese enorme Unsicherheit: Was war wahr? Wem kann ich noch glauben? Was bedeutet das für mein bisheriges Leben und was bedeutet es für mich? Vielleicht sind es deshalb nicht immer die objektiv schlimmsten Situationen, die uns emotional am stärksten erschüttern. Manchmal sind es jene, die unsere Vorstellung davon angreifen, wer wir sind, wie sicher unser Leben ist oder wie sehr wir uns auf einen Menschen verlassen können.
Was gehört zur Situation – und was kommt noch dazu?
Heute finde ich deshalb eine Frage besonders hilfreich: Was genau tut gerade weh? Ist es tatsächlich nur die Situation selbst oder zusätzlich die Bedeutung, die ich ihr gegeben habe? Geht es um einen Menschen, der mich enttäuscht hat, oder ist daraus inzwischen die Überzeugung geworden, dass mit mir etwas nicht stimmt? Geht es darum, dass ein Plan nicht funktioniert hat, oder darum, dass ich deshalb glaube, versagt zu haben? Geht es um das, was heute passiert, oder berührt es ein Gefühl, das ich schon sehr viel länger kenne? Die Antworten darauf lösen ein Problem nicht automatisch. Sie machen eine Trennung nicht rückgängig, heilen keine Krankheit und verändern keine Entscheidung eines anderen Menschen. Aber vielleicht helfen sie dabei, etwas voneinander zu trennen, das sich im ersten Moment wie ein einziger großer Schmerz anfühlt. Da ist das, was tatsächlich passiert ist. Und dann gibt es alles, was wir darüber denken, welche Schlüsse wir daraus ziehen und was wir dadurch plötzlich über uns selbst glauben. Aus Das hätte niemals passieren dürfen kann irgendwann ein Ich hätte mir sehr gewünscht, dass es anders gekommen wäre werden. Für mich liegt zwischen diesen beiden Sätzen ein großer Unterschied. Der erste kämpft noch immer mit der Realität. Der zweite lässt zu, dass ich sie nicht mögen muss und trotzdem anerkennen kann, dass sie existiert.
Nicht alles, was uns weh tut, entsteht in unserem Kopf. Manche Situationen sind schmerzhaft, unfair und verändern unser Leben, ganz unabhängig davon, wie wir über sie denken. Aber dort kann ein zweiter Schmerz entstehen – durch alte Erfahrungen, enttäuschte Erwartungen und die Bedeutung, die wir dem Geschehen für unseren eigenen Wert geben. Vielleicht geht es nicht darum, weniger zu fühlen. Vielleicht geht es darum, irgendwann unterscheiden zu können, welcher Schmerz tatsächlich zur Situation gehört – und welchen wir nicht für immer mittragen müssen.



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