Wie unverbindlich wollen wir eigentlich sein?

Dating hat sich verändert. Wahrscheinlich nicht nur durch Apps, aber sie machen vieles sichtbarer. Menschen sind jederzeit erreichbar, jederzeit austauschbar und theoretisch wartet hinter dem nächsten Swipe schon die nächste Möglichkeit. Die Blondine, die Rothaarige, der Mann mit Hund, der Architekt mit Bergfoto oder irgendein anderer Mensch, der vielleicht noch ein bisschen besser passen könnte. Gleichzeitig begegnet mir beim Dating ein Satz inzwischen erstaunlich häufig: „Ich suche nichts Festes.“ Und jedes Mal frage ich mich ein bisschen, was genau das eigentlich bedeutet. Wirklich keine Beziehung? Keine Verantwortung? Keine Exklusivität? Oder einfach: Ich möchte möglichst lange alle Möglichkeiten offenhalten?

Rund um Sex in der Kennenlernphase existieren erstaunlich viele Regeln. Nicht beim ersten Date. Vielleicht beim dritten. Manche sagen, eine Frau solle einen Mann ruhig etwas warten lassen, wenn sie möchte, dass er sie ernst nimmt. Und irgendwo hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass eine Frau, die sehr früh mit einem Mann schläft, für ihn danach plötzlich weniger interessant für eine feste Beziehung sein könnte. Ich habe über diesen Gedanken selbst länger nachgedacht, weil ich einen Teil davon zunächst sogar nachvollziehen konnte. Wenn unverbindlicher Sex jederzeit verfügbar ist, warum sollte sich jemand überhaupt festlegen? Dating-Apps erzeugen schließlich das Gefühl, dass es beinahe unbegrenzt viele Möglichkeiten gibt. Heute trifft man diese Person, morgen vielleicht die nächste. Wenn etwas nicht hundertprozentig passt, muss man nicht herausfinden, ob daraus trotzdem etwas entstehen könnte. Man wischt einfach weiter.
Offen, aber bitte nicht zu offen
Gerade Frauen hören beim Dating oft widersprüchliche Botschaften. Sei offen, aber nicht zu offen. Sei sexuell selbstbewusst, aber bitte nicht zu früh. Zeig Interesse, aber lauf niemandem hinterher. Sei entspannt, aber nicht so entspannt, dass man glaubt, du würdest das mit jedem machen. Eine Frau soll modern sein, aber an den entscheidenden Stellen offenbar doch wieder traditionell. Und irgendwann wird aus einem eigentlich sehr persönlichen Thema eine Art strategisches Brettspiel: Wann darf ich mit jemandem schlafen, ohne dass er das Interesse verliert? Sollte ich ihn lieber warten lassen? Wirkt es sonst zu leicht? Muss erst emotionale Nähe da sein? Und ganz ehrlich: Allein die Tatsache, dass Frauen sich diese Fragen stellen, sagt schon ziemlich viel darüber aus, wie stark weibliche Sexualität noch immer bewertet wird.
Wenn zwei dasselbe tun – und nur eine bewertet wird
Denn sobald wir sagen: Wenn Frauen weniger unverbindlichen Sex hätten, würden Männer wieder verbindlicher, übertragen wir die Verantwortung für männliches Beziehungsverhalten auf weibliche Sexualität. Das ist mir zu einfach. Ein erwachsener Mann entscheidet selbst, ob er verbindlich, ehrlich und beziehungsfähig handeln möchte. Eine erwachsene Frau entscheidet selbst, wann und mit wem sie Sex haben möchte. Und wenn zwei Menschen beim zweiten Date miteinander schlafen, hatten schließlich beide beim zweiten Date Sex. Warum sollte ausgerechnet die Frau dadurch plötzlich weniger geeignet für eine Beziehung sein? Besonders widersprüchlich finde ich Männer, die sinngemäß sagen: Mit einer Frau schlafe ich gerne früh, aber als Partnerin möchte ich keine, die so etwas macht. Dann erwartet man von Frauen genau das Verhalten, das man anschließend bei ihnen abwertet. Logisch ist daran herzlich wenig.
Vielleicht ist Sex gar nicht das Problem
Vielleicht ist Sex ohnehin gar nicht das eigentliche Thema. Vielleicht haben wir vielmehr ein Optionsproblem. Dating-Apps vermitteln ständig das Gefühl, dass da draußen noch jemand warten könnte, der schöner, spannender, passender oder unkomplizierter ist. Dadurch verändert sich möglicherweise auch die Frage, die wir uns beim Kennenlernen stellen. Nicht mehr nur: Gefällt mir dieser Mensch? Sondern: Gefällt mir dieser Mensch genug, um auf alle anderen Möglichkeiten zu verzichten? Das ist ein ziemlich großer Unterschied. Natürlich war Dating früher nicht automatisch romantischer oder besser. Menschen waren untreu, unverbindlich und emotional unerreichbar, lange bevor jemand Tinder erfunden hat. Aber heute tragen wir einen nahezu endlosen Katalog potenzieller Alternativen in unserer Hosentasche herum. Und vielleicht macht genau das Entscheidungen schwieriger. Nicht weil niemand mehr lieben kann, sondern weil man sich permanent fragen kann, ob irgendwo noch etwas Besseres wartet.
Wenn Auswahl zur Endlosschleife wird
Das Interessante daran ist, dass Auswahl zunächst wie Freiheit wirkt. Und natürlich ist sie das auch. Niemand muss mehr beim erstbesten Menschen bleiben, nur weil es schwierig wäre, jemand anderen kennenzulernen. Das ist grundsätzlich etwas Gutes. Gleichzeitig kann sehr viel Auswahl aber auch dazu führen, dass Menschen immer weniger bereit sind, überhaupt noch eine Entscheidung zu treffen. Sobald irgendwo eine Kleinigkeit nicht passt, taucht die nächste Option am Bildschirm auf. Vielleicht schreibt der neue Match schneller. Vielleicht ist der andere sportlicher. Vielleicht wohnt er näher. Vielleicht sieht die nächste Frau auf ihren Fotos aufregender aus. Vielleicht denkt man sich einfach: Ich schaue noch ein bisschen weiter. Und aus diesem „noch ein bisschen“ kann irgendwann ein dauerhafter Zustand werden.
„Ich suche nichts Festes.“
Dieser Satz begegnet einem beim Online-Dating mittlerweile so regelmäßig, dass man ihn beinahe als eigene Beziehungsform verstehen könnte. „Ich suche nichts Festes.“ „Ich möchte schauen, was passiert.“ „Ganz entspannt.“ „Ohne Erwartungen.“ „Keinen Druck.“ Alles legitim. Wirklich. Nicht jeder Mensch muss eine Beziehung wollen. Erwachsene Menschen dürfen Sex wollen, Affären, Freundschaft plus oder einfach ein paar schöne Abende ohne gemeinsame Zukunftsplanung. Solange beide wissen, woran sie sind, sehe ich darin überhaupt kein Problem.
Interessant wird es nur dann, wenn „nichts Festes“ plötzlich erstaunlich viele feste Bestandteile bekommt. Man schreibt jeden Morgen, telefoniert jeden Abend, schläft miteinander, verbringt Wochenenden zusammen, plant Ausflüge, wird eifersüchtig, möchte wissen, wen der andere noch trifft, erwartet Verfügbarkeit, Nähe und vielleicht sogar Exklusivität. Nur das Wort Beziehung sollte bitte niemand verwenden. Dann entsteht etwas, das sich im Alltag beinahe wie eine Beziehung anfühlt, aber jederzeit mit dem Satz beendet werden kann: „Ich habe doch von Anfang an gesagt, dass ich nichts Festes suche.“
Und genau da wird Unverbindlichkeit für mich schwierig. Nicht weil Menschen unverbindlich leben möchten, sondern weil manchmal einer sämtliche Vorteile von Nähe möchte, ohne irgendeine Verantwortung dafür zu übernehmen. Man möchte emotionale Nähe, körperliche Nähe, Vertrautheit und Verfügbarkeit. Man möchte jemanden, der zuhört, da ist, mit einem schläft, mit einem Zeit verbringt und im Idealfall nicht gleichzeitig fünf andere Leute trifft. Gleichzeitig möchte man selbst aber möglichst wenig definieren und möglichst wenig versprechen. Das ist eine ziemlich komfortable Konstruktion, solange man auf der richtigen Seite davon steht.
Vielleicht ist genau das eines der seltsamsten Phänomene modernen Datings: Man kann inzwischen erstaunlich viel Beziehung haben, ohne eine Beziehung zu führen. Emotionale Nähe, Sex, Übernachtungen, gemeinsame Pläne, Vertrautheit, Zuneigung, manchmal sogar Eifersucht. Nur die Definition fehlt. Und diese fehlende Definition ist praktisch. Denn solange nichts ausgesprochen wurde, muss man sich angeblich auch an nichts messen lassen. Niemand hat schließlich etwas versprochen. Dabei entstehen Erwartungen häufig nicht ausschließlich durch Worte. Menschen erzeugen sie auch durch Verhalten. Wer mir täglich schreibt, ständig meine Nähe sucht, Zukunftspläne macht und sich emotional in mein Leben integriert, kommuniziert ebenfalls etwas.
Deshalb finde ich den Satz „Wir hatten doch nie etwas Festes“ manchmal fast zu bequem. Formal mag er stimmen. Emotional kann die Sache längst ganz anders aussehen. Und genau deshalb reicht es für mich nicht immer, sich darauf zurückzuziehen, dass man ja „von Anfang an ehrlich“ gewesen sei. Natürlich ist es besser, klar zu sagen, dass man keine Beziehung möchte. Aber wer über Wochen oder Monate eine Nähe aufbaut, die faktisch wie eine Beziehung funktioniert, darf sich nicht wundern, wenn auf der anderen Seite irgendwann Gefühle oder Erwartungen entstehen. Ehrlichkeit besteht für mich nicht nur darin, einmal am Anfang einen Satz zu sagen. Sie zeigt sich auch darin, ob Verhalten und Worte zusammenpassen.
Besonders gefährlich wird „Ich suche nichts Festes“ meiner Meinung nach dann, wenn jemand eigentlich sehr wohl eine Beziehung möchte. Denn erstaunlich schnell hört man aus einem klaren Satz etwas anderes heraus. Aus „Ich suche nichts Festes“ wird „Ich suche noch nichts Festes“. Und dieses kleine „noch“ verändert alles. Plötzlich wartet man. Man versucht besonders entspannt zu sein, nicht zu viel zu fragen, keine Erwartungen zu zeigen. Man möchte bloß nicht kompliziert wirken. Vielleicht denkt man: Wenn er mich erst richtig kennt, wird er seine Meinung ändern. Vielleicht muss ich einfach besonders sein. Besonders verständnisvoll. Besonders unkompliziert. Besonders attraktiv. Besonders wenig fordernd. Und irgendwann sitzt man da und interpretiert Nachrichten, Antwortzeiten, Emojis und jedes „Mal schauen“, als wäre darin irgendwo eine geheime Botschaft versteckt.
Dabei wäre die einfachere Lösung häufig: Dem Menschen glauben. Wenn jemand sagt, er möchte keine Beziehung, muss ich daraus kein Entwicklungsprojekt machen. Ich muss niemanden überzeugen, faszinieren oder davon überzeugen, dass Beziehungen mit mir plötzlich doch eine hervorragende Idee wären. Wenn ich etwas Festes möchte und mein Gegenüber nicht, dann passen unsere Wünsche gerade schlicht nicht zusammen. Das ist enttäuschend, aber immerhin eindeutig. Und vielleicht wäre Dating an vielen Stellen leichter, wenn wir Informationen tatsächlich als Informationen behandeln würden und nicht als Ausgangspunkt für Hoffnung.
Wann ist der richtige Zeitpunkt für Sex?
Und damit zurück zu der Frage, die so viele beim Kennenlernen beschäftigt: Wann sollte man miteinander schlafen? Vielleicht gibt es darauf gar keine allgemeingültige Antwort. Wenn ich beim ersten Date Sex möchte, kann ich Sex haben. Wenn ich sechs Wochen warten möchte, kann ich sechs Wochen warten. Wenn ich erst mit jemandem schlafen möchte, sobald ich weiß, dass wir exklusiv sind, ist auch das vollkommen legitim. Entscheidend sollte nur nicht sein: Wie lange muss ich warten, damit er mich ernst nimmt? Denn wenn der Respekt eines Mannes davon abhängt, ob ich nach zwei, drei oder acht Dates mit ihm schlafe, interessiert mich dieser Respekt ohnehin nur begrenzt.
Natürlich kann es sinnvoll sein, Sex hinauszuzögern, wenn man selbst merkt, dass körperliche Nähe emotional etwas mit einem macht. Manche Menschen binden sich durch Sex schneller. Manche fühlen sich danach verletzlicher. Manche möchten zuerst Vertrauen aufbauen. Manche wissen aus Erfahrung, dass sie jemanden nach körperlicher Intimität anders wahrnehmen. All das sind gute Gründe zu warten. Aber das sind persönliche Gründe. Keine Strategie, um sich wertvoller zu machen.
Ich finde diesen Unterschied wichtig. Zu sagen „Ich möchte warten, weil ich mich damit wohler fühle“ ist etwas völlig anderes als „Ich muss warten, damit er mich ernst nimmt“. Im ersten Fall entscheide ich für mich. Im zweiten Fall richte ich mein Verhalten danach aus, wie ich möglichst viel Wert in den Augen eines anderen behalte. Und das ist für mich eine ziemlich ungute Ausgangslage.
Auch die Vorstellung, ein Mann müsse sich Sex erst „verdienen“, überzeugt mich nicht. Nicht weil ich finde, dass man früh mit jemandem schlafen sollte, sondern weil Sex für mich kein Belohnungssystem ist. Niemand sammelt beim Dating Punkte, bis irgendwann genug davon auf dem Konto liegen. Wenn zwei Menschen Lust aufeinander haben und beide sich damit wohlfühlen, ist das ihre Entscheidung. Wenn einer von beiden warten möchte, genauso. Aber Sex als strategisches Instrument einzusetzen, damit jemand möglichst stark investiert und dadurch automatisch beziehungswilliger wird, halte ich für fragwürdig. Denn Sex hinauszuzögern kann vielleicht zeigen, was jemand möchte. Es kann aber nicht verändern, was jemand möchte. Ein Mann, der eigentlich keine Beziehung will, wird nicht automatisch beziehungsfähig, nur weil er drei Monate keinen Sex bekommt.
Und genau deshalb stört mich auch die Vorstellung, sexuelle Zurückhaltung würde Männer gesellschaftlich wieder dazu bewegen, Beziehungen einzugehen. Denn was wäre die Konsequenz daraus? Im Grunde würden wir Beziehung wieder zu einem Tauschgeschäft machen. Sex gegen Verbindlichkeit. Du bekommst Zugang zu meinem Körper, wenn du mir dafür eine Beziehung gibst. Vielleicht hat dieses Modell früher gesellschaftlich oft funktioniert. Besonders erstrebenswert finde ich es trotzdem nicht.
Ich möchte keinen Mann, der sich für eine feste Beziehung entscheidet, weil seine anderen Möglichkeiten eingeschränkt sind. Ich möchte auch keinen Mann, der mich wählt, weil unverbindlicher Sex schwierig zu bekommen ist. Denn dann hat er nicht mich gewählt. Dann hat er die Rahmenbedingungen gewählt. Und das wäre für mich keine besonders romantische Vorstellung von Beziehung.
Verbindlichkeit trotz Auswahl
Viel interessanter finde ich einen Menschen, der durchaus Möglichkeiten hätte und sich trotzdem entscheidet. Nicht aus Mangel, nicht aus gesellschaftlichem Druck und nicht, weil Sex ansonsten unerreichbar wäre. Sondern weil er diesen einen Menschen möchte. Vielleicht sind die vielen Optionen deshalb gar nicht ausschließlich schlecht. Vielleicht machen sie etwas sichtbar. Früher musste man sich möglicherweise häufiger festlegen, weil Alternativen schwerer erreichbar waren. Heute kann man theoretisch jederzeit weitersuchen. Und genau deshalb finde ich die Entscheidung für jemanden vielleicht sogar bedeutungsvoller.
Denn die spannende Frage lautet für mich nicht: Wer bleibt, weil er keine anderen Möglichkeiten hat? Sondern: Wer bleibt, obwohl er welche hätte? Wer kann sich entscheiden, obwohl er nicht entscheiden muss? Wer sagt irgendwann nicht mehr: Mal schauen, was noch kommt. Sondern: Ich möchte herausfinden, was mit dir möglich ist.
Vielleicht beginnt genau dort Beziehungsfähigkeit. Nicht beim dritten Date. Nicht beim ersten Sex. Nicht bei irgendeiner Datingregel. Sondern bei der Fähigkeit, einen Menschen wirklich zu wählen und gleichzeitig zu akzeptieren, dass jede Entscheidung zwangsläufig bedeutet, andere Möglichkeiten nicht weiterzuverfolgen. Denn das ist am Ende Verbindlichkeit. Nicht das Fehlen von Alternativen, sondern eine Entscheidung trotz Alternativen.



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