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Zwischen Business und falschen Absichten

Autorenbild: Stephanie Huber
Stephanie Huber
5. Mai
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Juli

Warum berufliche Netzwerke von manchen Menschen mit Datingplattformen verwechselt werden – und weshalb mich das irgendwann mehr enttäuscht als überrascht hat.



Eigentlich mochte ich LinkedIn. Für mich war es eine Plattform, auf der Menschen ihre Arbeit zeigen, Ideen teilen, Kontakte knüpfen und neue berufliche Möglichkeiten entdecken konnten. Gerade als Selbstständige schätze ich den Austausch mit anderen Unternehmern, Kreativen und Menschen, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Neue Projekte entstehen schließlich oft genau dort, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen.

Mit der Zeit veränderte sich dieses Gefühl jedoch. Immer häufiger erreichten mich Nachrichten, die auf den ersten Blick beruflich wirkten. Jemand lobte meine Arbeit, fragte nach einer möglichen Zusammenarbeit oder wollte sich über Marketing und Gestaltung austauschen. Doch nicht selten dauerte es nur wenige Nachrichten, bis sich die Richtung veränderte. Plötzlich ging es nicht mehr um Projekte, sondern um mein Aussehen, mein Privatleben oder die Frage, ob man sich nicht einmal auf einen Kaffee oder zum Essen treffen könnte. Anfangs hielt ich das für Einzelfälle, irgendwann erkannte ich darin jedoch ein Muster.


Wenn Business nur als Einstieg dient

Natürlich dürfen Menschen einander sympathisch finden, und selbstverständlich können auch außerhalb klassischer Datingplattformen persönliche Verbindungen entstehen. Daran ist nichts Verwerfliches. Entscheidend ist für mich jedoch, mit welcher Absicht jemand ein Gespräch beginnt und ob diese Absicht ehrlich kommuniziert wird.

Wer beruflichen Austausch sucht, sollte genau das auch meinen. Wer jemanden privat kennenlernen möchte, kann das offen sagen. Problematisch wird es für mich dann, wenn Business lediglich als Vorwand dient, um überhaupt erst Zugang zu einer Person zu bekommen. Genau dieses Gefühl hatte ich auf LinkedIn immer häufiger. Nicht jede Kontaktanfrage galt meiner Arbeit. Manche richteten sich vor allem an die Frau hinter dem beruflichen Profil.


Was ein wenig Recherche sichtbar macht

Irgendwann begann ich, einige dieser Männer genauer zu recherchieren. Das gehört beruflich zu meinem Alltag, und ich bin ziemlich gut darin, öffentlich zugängliche Informationen miteinander zu verbinden. Oft dauerte es nur wenige Minuten, bis ich auf Hochzeitsbilder, gemeinsame Urlaube, Familienfotos oder andere eindeutige Hinweise auf eine bestehende Beziehung stieß.

Natürlich habe ich nicht jeden einzelnen Mann überprüft, und meine Beobachtung ist keine wissenschaftliche Auswertung. Bei fast allen Profilen, die ich mir genauer ansah, zeigte sich jedoch ein ähnliches Bild: Die Männer waren verheiratet oder befanden sich zumindest öffentlich erkennbar in einer festen Partnerschaft.

Genau das veränderte meine Wahrnehmung dieser Nachrichten. Eine private Annäherung von einem alleinstehenden Mann hätte ich vielleicht einfach als unpassend für die Plattform empfunden und ignoriert. Bei vergebenen Männern kam jedoch eine andere Ebene hinzu. Während sie sich öffentlich als Partner, Ehemänner oder Familienväter präsentierten, suchten sie gleichzeitig den privaten Kontakt zu fremden Frauen. Manche begannen das Gespräch sogar bewusst über ein berufliches Thema, obwohl schnell deutlich wurde, dass gar kein echtes Interesse an meiner Arbeit bestand.

Ich empfand das nicht als schmeichelhaft. Im Gegenteil: Je häufiger ich solche Nachrichten bekam, desto unangenehmer wurden sie für mich.


Aufmerksamkeit ist nicht automatisch Wertschätzung

Es gibt noch immer die Vorstellung, Frauen müssten sich über Aufmerksamkeit grundsätzlich freuen. Schließlich handle es sich um Komplimente, Interesse oder Bestätigung. Doch nicht jede Form von Aufmerksamkeit ist auch Wertschätzung. Besonders dann nicht, wenn sie von jemandem kommt, der zu Hause vermutlich einer anderen Person Verbindlichkeit verspricht.

Für mich sagte eine solche Nachricht weniger darüber aus, wie interessant mich jemand fand, sondern vielmehr darüber, wie dieser Mensch mit den Grenzen seiner eigenen Beziehung umging. Ich wollte nicht Teil einer Situation werden, von der eine weitere Person möglicherweise nichts wusste, und ebenso wenig wollte ich mich bei jeder vermeintlichen Geschäftsanfrage fragen, ob tatsächlich ein Projekt dahinterstand oder ob der berufliche Einstieg lediglich als unverfänglicher Vorwand diente.


Wenn Sichtbarkeit falsch verstanden wird

Mit der Zeit entstand deshalb bei fast jeder neuen Nachricht zunächst Misstrauen. Meinte dieser Mensch wirklich meine Arbeit, oder war das wieder nur der Einstieg in ein Gespräch, das nie beruflich gemeint war? Genau darin lag für mich das eigentliche Problem.

Berufliche Netzwerke funktionieren nur, wenn Menschen bereit sind, sichtbar zu sein. Sie zeigen ihre Arbeit, teilen Erfahrungen und geben manchmal auch persönliche Einblicke, weil Persönlichkeit längst Teil beruflicher Kommunikation geworden ist. Gerade für Selbstständige kann diese Sichtbarkeit wertvoll sein. Sie wird jedoch dann anstrengend, wenn andere sie als persönlichen Zugang missverstehen.

Theoretisch hätte ich jede unpassende Nachricht einfach ignorieren können. Ich hätte mein Profil sachlicher gestalten, weniger von mir zeigen oder noch deutlicher betonen können, dass ich ausschließlich beruflich auf der Plattform unterwegs war. Doch eigentlich wollte ich mich nicht kleiner oder unsichtbarer machen, nur damit meine Präsenz als professionell verstanden wurde.

Eine Frau sollte auf einer Businessplattform keine Strategie entwickeln müssen, um möglichst wenig private Aufmerksamkeit zu erregen. Sie sollte ihre Arbeit präsentieren können, ohne dass daraus automatisch die Annahme entsteht, sie sei auch persönlich verfügbar. Die Verantwortung für respektvolle Kommunikation liegt nicht bei der Person, die sichtbar ist, sondern bei jener, die entscheidet, wie sie mit dieser Sichtbarkeit umgeht.


Als der berufliche Nutzen nicht mehr überwog

Irgendwann bemerkte ich, dass ich mich über neue Nachrichten nicht mehr freute. Statt Neugier war da zuerst Skepsis, und der berufliche Nutzen der Plattform wurde für mich zunehmend von einem unguten Gefühl überlagert.

Ich bin nicht gegangen, weil ich beruflichen Austausch ablehne oder weil jeder Mann auf LinkedIn dieselben Absichten verfolgt. Es gibt dort zweifellos viele Menschen, die die Plattform genau so nutzen, wie sie gedacht ist. Auch glaube ich nicht, dass eine persönliche Verbindung grundsätzlich ausgeschlossen sein muss, nur weil sie in einem beruflichen Umfeld beginnt. Was mich störte, war die Häufigkeit, mit der Grenzen verschwammen, Absichten nicht offen ausgesprochen wurden und ein berufliches Netzwerk offenbar als diskreterer Zugang zu Frauen genutzt wurde.

Am Ende wollte ich keine Plattform mehr verwenden, auf der ich bei jeder neuen Nachricht zuerst herausfinden musste, ob tatsächlich meine Arbeit gemeint war oder nur die Frau hinter dem Profil. Vielleicht ist LinkedIn für viele noch immer genau das, was es sein sollte: ein berufliches Netzwerk. Für mich fühlte es sich irgendwann jedoch anders an. Als das Misstrauen größer wurde als der berufliche Nutzen, war es Zeit zu gehen.


Denn Aufmerksamkeit ist nicht automatisch Wertschätzung. Manchmal zeigt sie vor allem, wie wenig Respekt ein Mensch vor den Grenzen anderer und vor den Versprechen im eigenen Leben hat.

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