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Ein Wartezimmer, aus dem niemand aufgerufen wird

Autorenbild: Stephanie Huber
Stephanie Huber
16. Juni
4 Min. Lesezeit

Es gibt Wartezimmer, in denen man zumindest weiß, worauf man wartet. Auf den Arzt, auf ein Bewerbungsgespräch oder auf ein wichtiges Ergebnis. Man setzt sich hin, schaut vielleicht ein paar Mal auf die Uhr und irgendwann öffnet sich eine Tür. Jemand ruft den eigenen Namen und es geht weiter.



Dann gibt es aber noch eine andere Art von Wartezimmer. Eines, das nur im Kopf existiert. Dort gibt es keine Nummern, keine Anzeige und keine Tür, die sich irgendwann öffnet. Man setzt sich auch nicht bewusst hinein. Es passiert schleichend. Jemand sagt einen Satz wie: „Ich würde dich gerne wiedersehen.“ Oder: „Ich brauche nur noch etwas Zeit.“ Es sind keine Versprechen und trotzdem reichen sie aus, damit ein kleiner Teil von uns beginnt zu warten. Anfangs fällt das gar nicht auf. Man geht arbeiten, trifft Freunde, macht Sport und lebt sein Leben weiter. Und trotzdem wandert der Blick immer wieder zum Handy. Vielleicht ist heute eine Nachricht da. Vielleicht kommt heute endlich der Vorschlag für ein Wiedersehen. Vielleicht erklärt sich heute, was gestern noch unverständlich war.


Das Problem ist nicht die Hoffnung

Lange dachte ich, dass Hoffnung grundsätzlich etwas Schönes ist. Und das ist sie auch. Hoffnung trägt Menschen durch Krankheiten, schwierige Lebensphasen und Zeiten, in denen sonst kaum etwas Kraft gibt. Hoffnung kann unglaublich wertvoll sein. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass Hoffnung auch eine andere Seite hat. Sie kann einen festhalten. Sie kann dafür sorgen, dass man innerlich nicht mehr ganz frei ist. Man wartet nicht bewusst. Niemand hat gesagt: „Warte auf mich.“ Trotzdem bleibt ein kleiner Platz reserviert. Vielleicht meldet sich die Person heute. Vielleicht morgen. Vielleicht braucht sie tatsächlich nur Zeit. Vielleicht habe ich etwas falsch verstanden. Und genau dort beginnt dieses Wartezimmer. Es ist kein Ort, an dem etwas passiert. Es ist ein Ort, an dem man darauf wartet, dass irgendwann etwas passiert.


Man wartet oft gar nicht auf eine Beziehung

Das Überraschende für mich war, dass ich eigentlich gar nicht auf eine Beziehung gewartet habe. Ich wollte keine Exklusivität und auch keine großen Versprechen. Ehrlich gesagt wollte ich einfach nur den Menschen wiedersehen, mit dem ich eine schöne Zeit hatte. Mehr nicht. Bei mir sind Beziehungen nie dadurch entstanden, dass zwei Menschen möglichst schnell beschlossen haben, ein Paar zu sein. Sie sind aus Freundschaften entstanden. Aus gemeinsamer Zeit. Aus Erlebnissen, Gesprächen und Erinnerungen, die sich nach und nach aufgebaut haben. Genau deshalb fiel mir irgendwann auf, dass etwas Entscheidendes fehlte. Denn Freundschaften entstehen nicht durch WhatsApp-Nachrichten. Sie entstehen dadurch, dass man gemeinsam etwas erlebt. Dass man zusammen lacht, spazieren geht, kocht, verreist oder einfach auf einer Parkbank sitzt und stundenlang redet. Ohne diese gemeinsame Zeit bleibt jede Verbindung irgendwann stehen, egal wie nett die Nachrichten dazwischen auch sein mögen.


Worte geben Hoffnung – Taten geben Sicherheit

Ich lebe nach dem Credo, dass man sich um die Dinge kümmert, die einem wichtig sind. Nicht mit großen Gesten und auch nicht mit Druck. Sondern durch das eigene Handeln. Wenn man fitter werden möchte, beginnt man zu trainieren. Wenn man ein Instrument lernen möchte, übt man regelmäßig. Und wenn man einen Menschen kennenlernen möchte, versucht man irgendwann, gemeinsame Zeit möglich zu machen. Nicht perfekt. Nicht ständig. Aber irgendwann. Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen Worten und Taten. Worte können Hoffnung schenken. Taten schenken Sicherheit. Und wenn über längere Zeit nur Worte bleiben, beginnt man automatisch zu überlegen, ob man vielleicht etwas falsch verstanden hat. Man liest Nachrichten immer wieder durch und entdeckt jedes Mal eine neue mögliche Interpretation. Dabei merkt man gar nicht, wie viel Energie man inzwischen dafür aufwendet, etwas zu verstehen, das vielleicht gar nicht verstanden werden kann.


Das Leben findet nicht im Wartezimmer statt

Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir dieser Zustand mehr Hoffnung als Freude gibt. Jede Nachricht hat mich kurz glücklich gemacht. Danach war wieder dieselbe Ungewissheit da. Das Leben lief weiter und trotzdem hatte ich das Gefühl, innerlich auf Pause gedrückt zu haben. Ich wartete nicht auf eine Beziehung. Ich wartete nicht auf ein Versprechen. Ich wartete einfach darauf, dass aus einem „Ich würde dich gern wiedersehen“ irgendwann tatsächlich ein Wiedersehen wird. Und genau in diesem Moment wurde mir klar, dass das eigentliche Problem gar nicht der andere Mensch ist. Das Problem ist, dass ich begonnen hatte, mein eigenes Leben an einer Hoffnung auszurichten, die ich selbst weder beeinflussen noch beschleunigen konnte.


Manchmal bedeutet Selbstliebe aufzustehen

Vielleicht besteht Selbstliebe manchmal gar nicht darin, jemanden loszulassen. Vielleicht bedeutet sie einfach, das Wartezimmer zu verlassen. Nicht, weil der andere Mensch schlecht ist oder weil die gemeinsame Zeit nichts bedeutet hat. Sondern weil man erkennt, dass das eigene Leben draußen stattfindet und nicht zwischen zwei WhatsApp-Nachrichten. Draußen warten Freunde, Abenteuer, neue Erinnerungen und Menschen, die Zeit mit einem verbringen möchten. Das nimmt der Vergangenheit nichts von ihrer Bedeutung. Es bedeutet nur, dass man sich selbst erlaubt, wieder weiterzugehen. Denn das Leben ist zu kurz, um dauerhaft in einem Wartezimmer zu sitzen, aus dem niemand den eigenen Namen aufruft.


Manchmal ist der mutigste Schritt nicht, weiter zu hoffen. Manchmal besteht Mut darin, aufzustehen, die Tür hinter sich zu schließen und das eigene Leben wieder dort zu suchen, wo es tatsächlich stattfindet.

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